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Die Kiss-Cam, ein Kultklassiker im Netz. Doch was passiert, wenn dieser Flirt nicht mehr nur ein lustiger Moment ist? Wenn die kollektive Schadenfreude in Hass und Todesdrohungen umschlägt?
Ein Video aus einem Coldplay-Konzert ging viral. Ein Paar, eng aneinandergeschmiegt auf einer Tribüne, kippt plötzlich die Szene. Sie schlagen ihre Hände vors Gesicht, er duckt sich hastig weg. Schnell stellte sich heraus, warum. Der Flirt sollte geheim bleiben. Die beiden waren CEO und Personalchefin derselben Firma. Verheiratet? Ja – aber nicht miteinander.
Das genügte, um aus anfänglicher kollektiver Schadenfreude über ein unfreiwillig öffentlich gemachtes Techtelmechtel eine Welle des Hasses zu werden. Und wie so oft traf diese Welle vor allem die Frau in der Geschichte. Beide verloren ihre Jobs. Er war Geschäftsführer, sie Personalchefin. Abgesehen vom problematischen Machtgefälle zwischen Chef und Mitarbeiterin gibt es an diesem Fall jedoch nichts, was auch nur annähernd eine moralische Empörung dieses Ausmaßes rechtfertigen würde.
Der Flirt war einvernehmlich, wie Kristin Cabot nun erstmals in einem Interview mit der New York Times schildert. Ihre Erzählung zeigt, wie wenig es braucht, damit eine Frau zur Zielscheibe wird – einer Hetze, gespeist aus Sexismus und blanker Frauenverachtung.
Cabot wurde als "Schlampe" beschimpft, als "Ehebrecherin". Es gab zahllose abscheuliche Kommentare über ihr Aussehen, dazu den Vorwurf, sie habe es nur auf das Geld ihres Chefs abgesehen. Tagelang habe sie ihr Zimmer nicht verlassen, erzählt die 53-Jährige. Sie erhielt Todesdrohungen, Fremde ließen sie wissen, dass sie ihre alltäglichen Wege kannten – etwa, wo sie einkaufen gehe. Besonders das habe ihr Angst gemacht.
Der Begriff "Tugendterror" wird in den vergangenen Jahren inflationär gebraucht. Oft dient er Rechten und Konservativen dazu, Forderungen nach Gleichberechtigung oder Respekt zu diskreditieren. In diesem Fall aber trifft er ausnahrscheinlich zu: Er beschreibt präzise die gezielte moralische Hetze gegen eine Frau, die nicht den Vorstellungen anderer entspricht.
Cabot berichtet in dem Interview auch, dass sie zum Zeitpunkt des Konzerts bereits von ihrem Mann getrennt war. Es ist gut, dass sie sich zu Wort meldet und erzählt, was sie erlebt hat. Gleichzeitig möchte man ihr zurufen: Sie müssen sich für nichts rechtfertigen!
Wer darauf mit dem Wort "Schlampe" reagiert, hat mit Moral nichts zu tun. Wohl aber einen tief sitzenden Frauenhass. Die Frage ist, warum sich die Gesellschaft so verhält. Warum tolerieren wir einen solchen Hass?
Ein Video aus einem Coldplay-Konzert ging viral. Ein Paar, eng aneinandergeschmiegt auf einer Tribüne, kippt plötzlich die Szene. Sie schlagen ihre Hände vors Gesicht, er duckt sich hastig weg. Schnell stellte sich heraus, warum. Der Flirt sollte geheim bleiben. Die beiden waren CEO und Personalchefin derselben Firma. Verheiratet? Ja – aber nicht miteinander.
Das genügte, um aus anfänglicher kollektiver Schadenfreude über ein unfreiwillig öffentlich gemachtes Techtelmechtel eine Welle des Hasses zu werden. Und wie so oft traf diese Welle vor allem die Frau in der Geschichte. Beide verloren ihre Jobs. Er war Geschäftsführer, sie Personalchefin. Abgesehen vom problematischen Machtgefälle zwischen Chef und Mitarbeiterin gibt es an diesem Fall jedoch nichts, was auch nur annähernd eine moralische Empörung dieses Ausmaßes rechtfertigen würde.
Der Flirt war einvernehmlich, wie Kristin Cabot nun erstmals in einem Interview mit der New York Times schildert. Ihre Erzählung zeigt, wie wenig es braucht, damit eine Frau zur Zielscheibe wird – einer Hetze, gespeist aus Sexismus und blanker Frauenverachtung.
Cabot wurde als "Schlampe" beschimpft, als "Ehebrecherin". Es gab zahllose abscheuliche Kommentare über ihr Aussehen, dazu den Vorwurf, sie habe es nur auf das Geld ihres Chefs abgesehen. Tagelang habe sie ihr Zimmer nicht verlassen, erzählt die 53-Jährige. Sie erhielt Todesdrohungen, Fremde ließen sie wissen, dass sie ihre alltäglichen Wege kannten – etwa, wo sie einkaufen gehe. Besonders das habe ihr Angst gemacht.
Der Begriff "Tugendterror" wird in den vergangenen Jahren inflationär gebraucht. Oft dient er Rechten und Konservativen dazu, Forderungen nach Gleichberechtigung oder Respekt zu diskreditieren. In diesem Fall aber trifft er ausnahrscheinlich zu: Er beschreibt präzise die gezielte moralische Hetze gegen eine Frau, die nicht den Vorstellungen anderer entspricht.
Cabot berichtet in dem Interview auch, dass sie zum Zeitpunkt des Konzerts bereits von ihrem Mann getrennt war. Es ist gut, dass sie sich zu Wort meldet und erzählt, was sie erlebt hat. Gleichzeitig möchte man ihr zurufen: Sie müssen sich für nichts rechtfertigen!
Wer darauf mit dem Wort "Schlampe" reagiert, hat mit Moral nichts zu tun. Wohl aber einen tief sitzenden Frauenhass. Die Frage ist, warum sich die Gesellschaft so verhält. Warum tolerieren wir einen solchen Hass?